Blues March - Der Soldat Jon Hendricks
Dokumentarfilm von Malte Rauch, Digibeta/HD, D2006/2007, 90 Min.
Im Auftrag des WDR
Gefördert von der Hessischen Filmförderung, mediadesk, Brüssel sowie der Investitionsbank Hessen.
Weltvertrieb: Telepool


Drehbericht

Wir begleiteten Jon Hendricks mit unserem Team im Sommer 2007 in New York, waren bei seinen Auftritten dabei - im weltberühmten »Birdland Jazzclub« und bei seinem Besuch im »BB King Club«, wo er die »Harlem Gospel Singers« besuchte und schließlich spontan auf der Bühne mitsang und tanzte. Überall wurde der 85-jährige begeistert gefeiert, als sei sein Jazz Trio »Lambert Hendricks and Ross« noch immer Nr. 1 in den Charts und hätte seine Revue »Evolution of the Blues« gerade erst die großen Musikpreise abgeräumt.

In New York filmten wir auch ein Treffen mit den Tuskegee-Piloten auf dem Fliegerhorst von Long Island. Die Veteranen, schwarze Fliegerhelden aus dem 2. Weltkrieg, waren angetan von dem »hip guy«, der als GI aus Protest gegen die Rassentrennung desertiert war und nie einen Schuß abgegeben hat.

In Europa begleiteten wir ihn auf den Spuren seines »Kriegsfeldzugs« quer durch Frankreich: von der Landung am normannischen Utah-Beach, wo Hendricks zur Freude der Betreiber zahlreiche Museen besuchte, in denen die schwarzen GIs bisher kein Thema waren, bis zur Champagnerfabrik des Baron Moet-Chandon, den Hendricks damals, 1945, zusammen mit anderen afro-amerikanischen Deserteuren mit Schwarzmarkt-Benzin beliefert hatte. Über die Demütigungen und Ungerechtigkeiten der weißen amerikanischen Offiziere und Militärpolizisten gegenüber ihren schwarzen Mit-Soldaten ist Hendricks heute noch so wütend wie damals.

In der Picardie, südlich der Ardennen, filmten wir Hendricks und seine Tochter Aria bei der Entdeckung eines geheimen amerikanischen Soldatenfriedhofs, der hinter einem riesigen US Heldenfriedhof aus dem ersten Weltkrieg versteckt liegt. Hier liegen, namen- und ehrlos, die vom Kriegsgericht verurteilten und hingerichteten GIs des zweiten Weltkriegs. »Ich könnte einer von ihnen sein«, sagt Hendricks zu seiner Tochter.

Im Keller des Barons Moet-Chandon in Epernay stößt Hendricks auf Napoleon an, dessen Bild über den Fässern hängt. Napoleon begann alle seine Kriege mit einem Glas aus diesem Hause. Originalton Jon Hendricks: »Ich habe meinen Krieg mit dieser Marke beendet«.

Danach haben wir in Besancon und in der Nähe von Marseille weitergedreht. Und immer tat Hendricks, was er als 7-jähriger, gemeinsam mit dem blinden Pianisten Art Tatum, begonnen hatte und später mit Miles Davis, Duke Ellington und nicht zuletzt Louis Armstrong perfektionierte: er swingt, tanzt und singt.

Wir haben in diesem Sommer insgesamt fast 30 Tage gedreht. Wir befinden uns jetzt in der Postproduktion. Den Rohschnitt werden wir voraussichtlich Ende November zeigen können.

Bilder:

1. Frankreich 2007: Jon Hendricks besucht das Musée du Debarquement, Utah Beach, in der Normandie. Die schwarzen GIs werden bei der Befreiung Europas kaum erwähnt. Das beginnt sich jetzt zu ändern.

2. Frankreich 2007: Hendricks besucht die Ausstellung »Musik der Freiheit« im Musée Memorial, Caen, Frankreich. Hendricks sitzt vor einem Foto der Nazi Ausstellung »Entartete Musik«. Daß einige junge Deutsche ihr Leben riskierten, um den von Hitler verbotenen Jazz zu hören, hat Hendricks tief beeindruckt.

3. Frankreich 2007: Musée Caen Memorial: Hendricks spricht von Marlene Dietrich, mit der er befreundet war, mit der er aber, als Schwarzer, keine Truppenbetreuung durchführen durfte.

4. New York 2007: Jon Hendricks mit Tochter Aria auf den Straßen von Manhattan.

5. New York 2007: Wir besuchen mit Jon Hendricks den Fliegerhorst der (einzigen) schwarzen Flugstaffel des 2. Weltkriegs, den Tuskegees, auf Long Island.

6. New York 2007: Als wir mit Jon Hendricks und seiner Tochter Aria im »BB King Club« sitzen, um einem Konzert der »Harlem Gospel Singers« zuzuhören, entdeckt ihn der Leadsänger, unterbricht seinen Vortrag - und bittet Jon Hendricks, »einen der größten Jazz-Sänger und Vorbild und Idol für die Jugend«, auf die Bühne. Und der 85-jährige Jon Hendricks swingt und singt und tanzt zum Spiel der entfesselten Schlagzeugerin.

7. New York 2007: Wir drehen Jon Hendricks Auftritt im legendären »Birdland Jazzclub«, wo er bereits in den 60er Jahren mit seinem Trio »Lambert, Hendricks and Ross« gemeinsam mit Count Basie Triumphe feierte.