| Presse zu »Tanz des Sysiphos« / FAZ 13.05.2004 |
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Sysiphos auf dem dem Einrad Der Frankfurter Filmemacher Bert Schmidt und sein Artistenfilm Am Anfang sieht man den sportlichen Mann durch Aschaffenburg radeln. Er ist auf dem Weg zur Arbeit: Mit Reifen, Keulen, Bällen trainiert Ernest Montego, ein internationaler Star unter den Jongleuren, seine legendäre Glanznummer auf dem Einrad. Eine wahre Sisyphos-Arbeit, die Bert Schmidts Film auch seinen Namen gegeben hat. Nachdem der Dokumentarfilm schon im Fernsehprogramm 3sat lief, erlebte er nun seine Kinopremiere: Bis zum 19. Mai war der »Der Tanz des Sisyphos« im Frankfurter Kino »Orfeos’s Erben« zu sehen, das eindringliche Porträt einer Artistenexistenz voller kurioser Wendungen und Zufälle. Seit 1988 produziert Schmidt mit seinem Kollegen Dieter Reifarth unter dem Namen »Strandfilm« in der Frankfurter Gartenstraße eigene Filme und Auftragsarbeiten, von Promotion-Videos bis zum Aufbau von Firmenfilmarchiven. Bei einer dieser Gelegenheiten hatte er den großen Artisten Francis Brunn kennen gelernt, hierorts vor allem Besuchern des Tigerpalasts und der Flamenco-Show »Incognito« bekannt. Damals erfuhr er die Familiengeschichte des Artisten, der mit seiner Schwester Lottie schon als Kind im Kriegsdeutschland eine steile Karriere einschlug. Und er hörte, dass der jüngere Bruder der beiden ebenfalls Jongleur, in Aschaffenburg lebt. Getreu dem Motto, das Bert Schmidt und Dieter Reifarth schon für Dokumentarfilme wie »Hugo Meyer – Der kleine Prinz vom Oederweg« oder ihr Porträt der Zeil prägten, war auch das ein »Film vor der Haustür«. Er erzählt die Geschichte eines vaterlosen Aschaffenburger Kindes, das kurz nach Kriegsende im Kinofilm »Tonelle« zwei blutjunge Ausnahme-Jongleure bewundert und sofort beschließt, selbst Jongleur zu werden. Später erfährt er, dass die beiden Brunns, die er zu seinen Idolen machte, seine Halbgeschwister sind. Als Autodidakt wie ein Besessener mit allem übend, was man in die Luft wirbeln kann, arbeitet sich Montego, bürgerlich Ernst Kuhn, in wenigen Jahren an die Weltspitze vor und lernt schließlich seine Geschwister kennen. Der 1950 in Rüsselsheim geborene Schmidt, der in Paris das Filmhandwerk und in Frankfurt Mediensoziologie studiert hat, ist ein erfahrener Dokumentarfilmer. Den spannungsgeladenen Moment, als Montego im Jahr 2000 anfing, für ein Comeback hart zu trainieren, »mussten wir einfach haben«, erklärt Schmidt. Daß er mehr als drei Jahre für die Fertigstellung des Films brauchte, lag vor allem an der unsicheren Finanzierung. Und an der zum Teil kostspieligen Beschaffung von Archivmaterial. »ich wollte gern gleichzeitig die Historie des Varietés erzählen«, sagt Schmidt – das ist ihm gelungen, mit einem halb düsteren, halb hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft. die Mischtechnik aus Video- und Filmaufnahmen, den Produktionsbedingungen geschuldet, ist Schmidts Film nicht anzusehen. Farbdramaturgie, Schnitte und Bildqualität sind perfekt aufeinander abgestimmt. Schmidt hat die Spannung zwischen Sisyphos-Qual, Begeisterung und Nostalgie genau austariert, Rätsel lüften sich im Laufe des Films an den richtigen Stellen: das Alter etwa das Jongleurs, der zum Zeitpunkt des Drehs 66 Jahre alt ist, aber wie ein drahtiger Mittvierziger erscheint. Und die Last, unter der er sich täglich zum Training motiviert. Schmidt hat klugerweise auch auf jeglichen Kommentar verzichtet. Es sprechen: die Protagonisten und viele gute Bilder. Eva-Maria Magel |