Presse zu »Tanz des Sysiphos«

Funk-Korrespondenz Nr. 50/2003

Ohne eine Sekunde Leerlauf

Bert Schmidt: „Tanz des Sisyphos", 3Sat, 7.12. 21,45 bis 23.19 Uhr, Produktion: ZDF/strandfilm

Wenn ein Film von der ersten Minute an bis zum Schluss so sehr begeistert wie Bert Schmidts „Tanz des Sisyphos", dann sitzt man hinterher eine ganze Weile mit gespitztem Bleistift vor dem leeren Blatt und fragt sich: Wie ließe sich einem Zuschauer, der diese ungewöhnlichen Bilder nicht gesehen, und diese subtil erzählte Geschichte nicht mitbekommen hat, dennoch etwas von dem ungemein sinnlichen Gesamteindruck des Films vermitteln? Vielleicht müsste man ähnlich wie der von Bert Schmidts kunstvoll porträtierter Artist Ernest Montego jonglieren, nicht mit Bällen und Keulen, sondern mit Worten. Vielleicht ließen sich Ausdrücke, Anspielungen und Sprachbilder zu einem Gesamteindruck fügen, der so leichtfüßig und „ausbalanciert" wirkt wie Montegos Kunst des Jonglierens im Film...

Man muss also, um über „Tanz des Sisyphos" schreiben zu können, ein klein wenig von dem Film selbst lernen. Die erste Lektion, die Ernest Montego (der auf den bürgerlichen Namen Ernst Kuhn hört) vermittelt, ist die, das Publikum beim Auftritt sofort und nachhaltig zu verblüffen. Der aus Aschaffenburg stammende Artist, der wie Heinz Schenk („Zum Blauen Bock") in breitem Hessisch redet, schaffte dies mit einem spektakulären Trick, den ihm bis heute keiner nachmacht: Mit einem hohen Sprung hüpfte er von hinten über seine Assistentin - und übernahm jonglierend noch im Flug jene Keulen, mit denen sie jonglierte. Dieser Mann, der heute wie ein drahtiger 44-jähriger aussieht, ist aber in Wahrheit 66 Jahre alt. Außerdem hat er ein kaputtes Knie und zwei Hüftgelenke aus Metall. Der Film (Produktion: strandfilm mit 3sat/ZDF) beginnt mit einer faszinierenden Zeitlupenstudie, wie Montego gerade dabei ist, eine seiner alten Glanznummern wieder einzustudieren: Mit nur einem Fuß auf einem hohen Einrad balancierend, jongliert er mit so vielen Reifen, dass man sie kaum zählen kann...

Interessant an dem Films ist, dass er unterdessen nicht nur die Position des schaulustigen Publikums im Zirkus einnimmt. Mit sympathischer Beiläufigkeit führt Bert Schmidt den Zuschauer auch dorthin, dass er ein Auge für die Feinheiten dieses Metiers entwickelt. Zum Beispiel der merkwürdige Umstand, dass ein Artist dem Publikum nie zeigen darf, wie gut er wirklich ist. Führt der Jongleur einen Trick länger als einige Sekunden auf, so ist der Effekt der gesamten Nummer zerstört, weil der Zuschauer sich sofort langweilt.

Solche Zusammenhänge macht Bert Schmidt immer wieder sichtbar: glücklicherweise ohne Off-Kommentar. Selbst die an Stationen reiche Lebensgeschichte Montegos - die für sich genommen bereits Stoff genug für einen eigenen Film abgegeben hätte - wird allein aus den bescheidenen und pointiert eingefangenen Erzählungen des Artisten entwickelt. Ohne eine Sekunde Leerlauf schöpft der Film permanent aus dem Vollen, etwa wenn die frühere Assistentin des Artisten und auch seine zehn Jahre ältere Halbschwester zu Wort kommen. Abenteuerlich ist bereits die Geschichte, wie Montego zu seiner Berufung fand: Als Zwölfjähriger hatte er in dem Bavaria-Film „Tonelli" einen 30 Sekunden dauernden Auftritt des Jongleur-Duo Francis und Lottie Brunn gesehen, die später als Artisten ebenso weltberühmt werden sollten wie er. Aber erst viel später erfährt der Autodidakt Montego, dass er durch seine eigenen Halbgeschwister zu seinem Beruf inspiriert wurde...

Auf ebenso faszinierende wie beiläufigen Weise gelingt es dem Film, die innere Größe dieses ungewöhnlichen Artisten sichtbar werden zu lassen, dies jedoch ohne ihn auf eine falsche Art zu überhöhen. Statt dessen schafft Bert Schmidt es, diesen artifiziellen Jongleur in seiner Größe gleichzeitig als hessisch babbelnden Mann zu zeigen, der sich bei einem Mainspaziergang in Aschaffenburg sichtlich wohl zu fühlen scheint: „Jonglieren ist Meditation", sagt Montego nebenbei (und zwar völlig unprätentiös). Auch der Film ist eine Meditation, mühelos gelingt es ihm mit vielen Fakten zu jonglieren: Auf dem Weg von Aschaffenburg über Las Vegas, Hongkong, Hawaii, Paris, New York (die Ed Sullivan Show) und wieder zurück nach Aschaffenburg schafft es der Film, hinter die Kulissen des Show Business zu schauen und dabei immer wieder magische Momente einzufangen: Etwa als der Vater von Montegos Assistentin ihn erstmals auf der Bühne sieht und hinterher einen Satz sagt, der Montego gleichsam wie ein Koan (ein japanische Zen-Rätsel) durchs Leben führen wird: „Ach Bub, was musst du dich plagen, nur dass du nix zu schaffen brauchst."

Manfred Riepe