Paul Cezanne und
Joaquim Gasquet
»Une visite au Louvre«
Film von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub,
35mm, 48 Min.
(Version 1), 47 Min. (Version 2), 1.37, Dolby SR
Produktion: Straub-Huillet, Christophe Gougeon, Centre
National des Arts contemporains, Fondation de France, Ministère de la
Culture, ZDF/3 sat, strandfilm
Gut gesehen gut
getan
Sollte Sie plötzlich die ungute Anwandlung ankommen, diesen Film,
wie es so schön heißt, »erzählen« zu wollen, so sähe das nach garnichts
aus: Gemälde des Louvre in starren Einstellungen, mit einer Off-Stimme,
die sie kommentiert, eingerahmt von zwei Schwenks und interpunktiert von
einem Blick auf die Seine vom Museum aus. Über den Film selbst hätte man
damit nichts gesagt. Dem Besucher gegenüber, dem es ein Leichtes wäre,
mit einem ungenierten »Da könnte man ja gleich mit einem Museumsführer
durch den Louvre gehen« zu kontern, müßte man kontern, daß der
Führer in diesem Fall Cezanne selbst ist, jener Cezanne jedenfalls, den
uns Joachim Gasquet überliefert hat. Aber man begäbe sich auf einen
Irrweg, wenn man sich darauf einließe. Dieser Film, wie alle großen
Filme, erzählt (sich) nicht. Man muß ihn sehen, er gibt zu sehen, er
läßt hören, nährt das Auge, das Ohr, den Geist, das Herz - alles auf
einmal, und alles ist eins. Und falls Sie darauf beharren wollen - ja
doch, der Film erzählt etwas. Er erzählt, wie glücklich es macht zu
schauen. Und davon ausgehend, wie glücklich es macht, zu leben - wenn
man nur zu sehen wüßte. Ja, nichts Geringeres als die Lust, auf der Welt
zu sein, diese Lust zu leben, die einem einen Roman von Zola den Titel
gibt, die aber all das, was je ein Schriftsteller dazu sagen könnte,
durch ihre unauflösbare und geheimnisvolle Einfachheit übersteigt - die
Lust zu leben, die Lust auf dieser Welt zu sein, die Lust, kurz gesagt,
sich überschwemmen zu lassen von Welt, einzutauchen in sie (..).
Wieder muß man nur die Ohren und Augen wiet öffnen, und die
kinematographische Kunst der Straubs wird sich davorspannen. Wie in all
ihren Filmen arbeiten sie auch diesmal (und hier besonders explizit)
daran, die Wahrnehmung ihrer Zuschauer zu erweitern, freier zu machen
und gleichzeitig zu verfeinern, indem sie darauf setzen, daß das
Wohlbefinden .. durch das Gut-Sehen und Gut-Hören .. hindurchgeht: wenn
man etwas schlecht tut, dann deshalb, weil man schlecht wahrnimmt - oder
um einen Titel von Beckett zu parodieren: schlecht gesehen schlecht
getan.
Jean-Charles Fitoussi |